Die Kunstagentin
Zur Übersicht
verantwortung20. April 2025

Wem gehört die Deutungshoheit?

Über Familie, Forschung und die vielen Stimmen, die an der Geschichte eines Werkes mitschreiben.

Von Anne Scherer

An der Geschichte eines Werkes schreiben mehr Stimmen mit, als eine Familie erwartet.

Eine Kunsthistorikerin legt einen ersten Text über einen Nachlass vor. Die Familie liest ihn – und erkennt die Künstler:in darin kaum wieder. Eine Werkphase, die innerhalb der Familie immer als besonders wichtig galt, spielt nur eine Nebenrolle. Dafür stellt die Autorin Arbeiten in den Mittelpunkt, die bislang wenig beachtet wurden. Sie zieht Verbindungen zu anderen Positionen und kommt zu Schlussfolgerungen, die niemand im Nachlass erwartet hatte.

Wer kennt das Werk nun besser?

Angehörige verfügen häufig über ein Wissen, das in keinem Archiv vollständig zu finden ist. Sie erinnern sich an Gespräche, Arbeitsweisen, persönliche Beziehungen und Situationen, in denen Werke entstanden sind. Dieses Wissen kann für die Beschäftigung mit einem Nachlass außerordentlich wertvoll sein.

Aber Erinnerung verändert sich. Was innerhalb einer Familie über Jahrzehnte immer wieder erzählt wurde, kann irgendwann den Status einer Tatsache bekommen, obwohl kaum noch nachvollziehbar ist, worauf die Aussage ursprünglich beruhte. Eine persönliche Erinnerung, eine Äußerung der Künstler:in und eine später entstandene Familienerzählung können sich miteinander verbinden.

Nähe schafft Wissen. Sie schafft aber nicht automatisch Deutungshoheit.

Umgekehrt schafft wissenschaftliche Distanz nicht automatisch Wahrheit. Auch kunsthistorische Einordnungen entstehen aus bestimmten Fragestellungen, Methoden und dem Wissen ihrer Zeit. Ein Text kann über Jahrzehnte prägend sein und später durch neue Quellen oder andere Perspektiven korrigiert werden. Kategorien verändern sich, vermeintlich nebensächliche Werkgruppen rücken in den Mittelpunkt, etablierte Erzählungen werden neu betrachtet.

Gerade deshalb ist es wichtig, unterschiedliche Arten von Wissen voneinander unterscheiden zu können. Was ist durch ein Dokument belegt? Was hat die Künstler:in selbst gesagt? Was erinnert die Familie? Was ist eine spätere kunsthistorische Interpretation? Keine dieser Perspektiven ist bedeutungslos. Aber sie sind nicht dasselbe.

Auch Selbstaussagen von Künstler:innen lösen die Frage nicht endgültig. Sie sind besonders wichtige Quellen, weil sie unmittelbaren Zugang zu Gedanken, Entscheidungen und Selbstverständnis ermöglichen. Aber auch Künstler:innen betrachten das eigene Werk aus wechselnden Perspektiven.

Eine frühe Werkphase kann später abgelehnt werden. Bestimmte Einflüsse werden hervorgehoben, andere heruntergespielt. Die eigene Biografie wird rückblickend erzählt und möglicherweise neu gewichtet. Was eine Künstler:in zu einem bestimmten Zeitpunkt über eine Arbeit sagt, muss nicht mit dem übereinstimmen, was sie zwanzig Jahre später darin sieht.

Die Selbstauskunft von Künstler:innen ist eine privilegierte Quelle – aber nicht das letzte Wort der Kunstgeschichte.

Hier beginnt die Aufgabe unabhängiger Forschung. Sie kann Quellen vergleichen, Widersprüche sichtbar machen, Werke in größere Zusammenhänge stellen und Fragen formulieren, die innerhalb einer Familie oder eines Nachlasses vielleicht nie gestellt worden wären.

Wer unabhängige Forschung ermöglicht, muss deshalb auch akzeptieren, dass ihre Ergebnisse von den eigenen Erwartungen abweichen können. Unabhängige Forschung bedeutet immer auch, ein Stück Kontrolle abzugeben.

Das bedeutet umgekehrt nicht, dass wissenschaftliche Aussagen unangreifbar wären. Ein Nachlass kann Fehler korrigieren, bislang unbekannte Dokumente vorlegen oder einer Interpretation widersprechen. Unabhängigkeit bedeutet nicht Unfehlbarkeit.

Ähnliches gilt für kuratorische Arbeit. Eine Ausstellung kann ein Werk unter einer Fragestellung betrachten, die weder die Familie noch frühere Forschung in den Mittelpunkt gestellt hat. Arbeiten werden mit anderen Positionen zusammengebracht und erhalten dadurch neue Kontexte. Eine solche Lesart muss frühere Interpretationen nicht widerlegen. Sie kann schlicht eine andere Frage an dasselbe Werk stellen. So wächst die Geschichte einer künstlerischen Position mit den Menschen, die sich mit ihr beschäftigen.

Die Macht über die Quellen

Ein Nachlass sollte dabei nicht zum Schiedsrichter darüber werden, welche Interpretation die richtige ist. Seine besondere Verantwortung liegt an einer anderen Stelle. Er kann dafür sorgen,

• dass Quellen erhalten und auffindbar bleiben,

• dass die Herkunft von Informationen nachvollziehbar ist,

• dass Erinnerungen und Familienwissen als solche erkennbar bleiben,

• dass Forschung Zugang zu relevanten Materialien erhält,

• und dass unterschiedliche Interpretationen möglich bleiben.

Damit besitzt ein Nachlass vielleicht keine Deutungshoheit. Aber häufig verfügt er über etwas, das mindestens ebenso folgenreich sein kann: erheblichen Einfluss auf den Zugang zu den Quellen.

Wer darf das Archiv einsehen? Welche Korrespondenzen werden zugänglich gemacht? Welche Fotografien dürfen publiziert werden? Welche Dokumente bleiben privat? Solche Entscheidungen beeinflussen, welche Fragen überhaupt gestellt und welche Zusammenhänge untersucht werden können.

Ein verschlossenes Archiv verhindert nicht nur eine bestimmte Interpretation. Es kann verhindern, dass alternative Interpretationen überhaupt entstehen.

Wer keine Deutungshoheit besitzt, kann trotzdem erheblichen Einfluss darauf haben, welche Deutungen möglich werden.

Natürlich bedeutet Offenheit nicht, dass ein Nachlass jedes Dokument uneingeschränkt öffentlich machen muss. Persönlichkeitsrechte, Datenschutz, Urheberrechte und private Korrespondenzen können Grenzen setzen. Entscheidend ist vielmehr das Bewusstsein dafür, dass der Umgang mit Quellen selbst Teil der Verantwortung für das Werk ist.

Vielleicht ist Deutungshoheit deshalb tatsächlich der falsche Begriff. Ein Nachlass kann Werke besitzen, Archive verwalten und Wissen bewahren. Die Bedeutung eines künstlerischen Werkes lässt sich jedoch nicht im gleichen Sinne besitzen.

Seine Verantwortung liegt an einer anderen Stelle: Quellen zu sichern, Wissen nachvollziehbar zu machen und anderen zu ermöglichen, neue Fragen zu stellen – auch solche, deren Antworten ihm selbst vielleicht nicht gefallen.

Ein Nachlass bewahrt deshalb nicht die eine Geschichte eines Werkes. Im besten Fall bewahrt er die Voraussetzungen dafür, dass seine Geschichte weitergeschrieben werden kann.

Begriffe