Warum jedes Werkverzeichnis zu spät beginnt
Über den Wunsch nach Vollständigkeit und die Realität fragmentierter Informationen.
Ein Werkverzeichnis will vollständig sein. Doch die Informationen, aus denen es entsteht, sind es selten.
Auf der Rückseite eines Bildes steht eine Jahreszahl. Daneben ein kaum lesbarer Name, vielleicht der einer Galerie. Auf einem zweiten Werk klebt ein altes Ausstellungsetikett. Ein drittes ist weder signiert noch datiert. Im Archiv findet sich eine Fotografie, auf der es möglicherweise zu sehen ist – an einer Wand neben Arbeiten, deren Verbleib heute niemand kennt.
Jahrzehnte später sollen aus solchen Spuren verlässliche Angaben werden: Titel, Entstehungsjahr, Technik, Maße, Provenienz, Ausstellungen, Literatur. Werk für Werk.
Ein Werkverzeichnis verspricht etwas, das im Rückblick besonders verführerisch ist: Vollständigkeit. Es soll ein künstlerisches Œuvre erfassen, Zusammenhänge dokumentieren und Informationen dauerhaft überprüfbar machen. Nur beginnt diese Arbeit meist zu einem Zeitpunkt, an dem das Leben und Arbeiten, das sie rekonstruieren soll, längst weitergezogen ist.
Künstler:innen arbeiten schließlich selten mit Blick auf ein späteres Werkverzeichnis. Werke werden verkauft, verschenkt, getauscht, überarbeitet oder verworfen. Titel verändern sich. Fotografien bleiben unbeschriftet. Galerien schließen, Korrespondenzen verschwinden, Rechnungen werden entsorgt. Manche Arbeiten tauchen nach Jahrzehnten wieder auf, andere bleiben nur als Schwarz-Weiß-Fotografie oder Eintrag in einem Ausstellungskatalog erhalten.
Je später die systematische Dokumentation beginnt, desto stärker wird aus Erfassung Rekonstruktion. Dabei besteht die Schwierigkeit keineswegs immer darin, dass Informationen fehlen. Manchmal sind sogar mehrere vorhanden – und sie widersprechen sich. Auf der Rückseite eines Werkes steht vielleicht „1962“, obwohl ein Ausstellungskatalog dasselbe Werk bereits 1960 abzubilden scheint. Eine handschriftliche Werkliste nennt einen anderen Titel als eine spätere Publikation. Maße unterscheiden sich, Datierungen werden verändert, Arbeiten unter verschiedenen Bezeichnungen ausgestellt.
Welche Quelle besitzt dann das größere Gewicht?
Ein Werkverzeichnis muss solche Widersprüche nicht unbedingt auflösen. Aber es sollte sie erkennen und die Entscheidung darüber nachvollziehbar machen. Denn seine Autorität entsteht weniger daraus, für jede Frage eine eindeutige Antwort zu liefern, als aus der Verlässlichkeit, mit der Informationen geprüft und Quellen miteinander abgeglichen werden.
Hinzu kommt ein anderes Problem: Mit den Werken verteilt sich auch das Wissen über sie.
Ein Bild wurde vielleicht 1972 über eine Galerie verkauft. Die Käufer:innen sind inzwischen verstorben, die Sammlung wurde aufgelöst, das Werk weiterverkauft oder vererbt. Im Nachlass existiert möglicherweise nur noch eine alte Fotografie. Jahrzehnte später meldet sich eine Sammler:in mit genau diesem Werk. Ein Museum besitzt Korrespondenz, die im Nachlass nicht erhalten ist. In einem Galeriearchiv findet sich eine Rechnung, die erstmals eine Provenienz klärt.
Das Wissen über ein Œuvre liegt nach Jahrzehnten häufig nicht mehr an einem Ort. Es ist verteilt.
Ein Werkverzeichnis dokumentiert deshalb nicht nur Werke. Es versucht auch, ihre Wege durch die Zeit zu rekonstruieren. Sammlungen, Ausstellungen, Verkäufe, Publikationen und Archive werden zu Teilen eines Netzes, in dem Informationen wieder zusammengeführt werden können. Gerade bei älteren oder bislang wenig erforschten Positionen kann dieses Netz erhebliche Lücken haben.
Vollständigkeit ist ein bewegliches Ziel
Ein Teil des Œuvres befindet sich im Nachlass, anderes in Museen oder privaten Sammlungen. Manche Werke wurden vor Jahrzehnten verkauft, ohne dass Käufer:innen dokumentiert wurden. Andere sind möglicherweise unter abweichenden Titeln publiziert, falsch zugeordnet oder bislang vollkommen unbekannt geblieben.
Die Vorstellung eines vollständig abgeschlossenen Werkverzeichnisses wird damit schwierig. Trotzdem bleibt Vollständigkeit ein sinnvoller Anspruch.
Ein Werkverzeichnis muss nach Vollständigkeit streben. Es sollte nur vorsichtig damit sein, sie zu behaupten.
Das gilt umso mehr, weil neue Informationen oft gerade durch die Veröffentlichung entstehen. Sammler:innen erkennen Arbeiten wieder, Archive werden zugänglich, bislang unbekannte Dokumente tauchen auf. Ein vermeintlich abgeschlossener Wissensstand beginnt sich erneut zu bewegen.
Digitale Werkverzeichnisse können darauf anders reagieren als gedruckte. Ein Buch besitzt zwangsläufig einen Redaktionsschluss. Ein digitales Catalogue Raisonné kann neue Provenienzen aufnehmen, Datierungen präzisieren und bislang unbekannte Werke ergänzen. Das verändert nicht den Anspruch an wissenschaftliche Genauigkeit. Es verändert aber die Vorstellung davon, wann die Arbeit tatsächlich abgeschlossen ist.
Vielleicht ist ein Werkverzeichnis deshalb weniger das endgültige Bild eines Œuvres als der jeweils bestmöglich dokumentierte Stand unseres Wissens darüber.
Und vielleicht beginnt tatsächlich jedes Werkverzeichnis zu spät. Es versucht, Informationen zusammenzuführen, nachdem Werke längst Ateliers verlassen, Besitzer:innen gewechselt, Ausstellungen durchlaufen und ihre eigenen Geschichten entwickelt haben.
Gerade deshalb kann die Dokumentation eines künstlerischen Werkes kaum früh genug beginnen. Für einen bestehenden Nachlass lässt sich die Zeit nicht zurückdrehen. Aber die verstreuten Spuren lassen sich wieder zusammenführen – Stück für Stück, Quelle für Quelle, Werk für Werk.
Ein Werkverzeichnis beendet diese Suche nicht. Es gibt ihr eine Struktur.
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