Die Kunstagentin
Fallstudien & Perspektiven
Eigene Fallreflexion14. April 2024

Der Nachlass einer Künstlerin – Fragen statt Antworten

Ausgangspunkt der eigenen Nachlassarbeit: ein umfangreicher künstlerischer Bestand, Erinnerung, Material, erste Ordnungsversuche und viele offene Fragen.

Im Depot drehe ich die Bilder routinemäßig um. Auf den Rückseiten finden sich manchmal Signaturen, Datierungen oder Notizen meines Vaters. Bei dieser Collage kommen stattdessen grüne geometrische Formen, gelbe Ornamente, blaue Pflanzenmotive und braune Karos zum Vorschein.

„Das sind ja Siebzigerjahre-Tapeten“, denke ich.

Ich kenne das Wohn- und Atelierhaus meiner Großmutter gut. Die Wände waren überwiegend weiß. Trotzdem erinnere ich mich daran, dass sie immer wieder unterschiedliche Tapeten kaufte. Erst beim Umdrehen dieser Collage wird mir klar, wofür sie diese möglicherweise verwendet hatte.

Auf der Rückseite des Werkes sind die bedruckten Vorderseiten der Tapeten zu sehen. Für das eigentliche Bild hatte meine Großmutter die weißen Rückseiten verwendet. Sie riss die Papiere, drehte sie in unterschiedliche Winkel, legte sie übereinander und bearbeitete ihre geprägten Oberflächen mit Farbe. Die Muster, für die diese Tapeten einmal hergestellt worden waren, verschwanden. Ihre Strukturen blieben.

Auf der Vorderseite liegen die Papiere in blauen, grauen, braunen und schwarzen Schichten übereinander. Die gerissenen Kanten erinnern an Horizonte, Ufer oder geologische Ablagerungen. Aus einem Material für Innenräume ist eine Landschaft geworden.

Die Collage trägt weder einen bekannten Titel noch eine gesicherte Datierung. Die Maßangabe, eine Nummer und der Nachlassstempel auf dem Träger stammen von mir. Sie gehören nicht zur ursprünglichen Arbeit, sondern zu der Ordnung, die Jahrzehnte später um sie herum entsteht. Auch das zeigt die Rückseite: die Spuren der Künstlerin – und die Spuren derjenigen, die nach ihrem Tod versuchen, ihr Werk zu bewahren und zu verstehen.

Diese Collage ist kein Einzelfall. Viele Rückseiten im Nachlass sind aufschlussreich. Manche tragen Signaturen oder Datierungen, andere Notizen meines Vaters. Wieder andere zeigen Materialien, die auf der Vorderseite kaum noch zu identifizieren sind. Bestimmte Papiere und Prägungen tauchen in unterschiedlichen Werkgruppen erneut auf. Was zunächst wie eine bloße Rückseite erscheint, kann Hinweise auf Arbeitsprozesse und Verbindungen innerhalb des Werkes geben.

Eine Tapete ist allerdings noch keine Datierung. Eine wiederkehrende Struktur kann eine Beziehung nahelegen, ohne bereits eine Chronologie zu beweisen. Und meine Erinnerung daran, dass meine Großmutter Tapeten kaufte, erklärt nicht automatisch, wann und für welche Arbeiten sie diese verwendete.

Seit Sommer 2023 bearbeite ich ihren Nachlass systematisch. Nach dem Tod meines Vaters hatte ich den gesamten künstlerischen Bestand geerbt. Zwischen der Räumung des Ateliers und dem Tag, an dem ich juristisch Eigentümerin des Nachlasses wurde, lagen 33 Jahre.

Über viele Jahre wurde der Bestand aufgrund der schweren Erkrankung meines Vaters treuhänderisch bewahrt. Die Arbeiten wurden mehrfach verpackt, umgeräumt und umgelagert. Nicht alles, was damals nebensächlich erschien, blieb erhalten. Dokumente, Kalender, Notizbücher, Fotografien, Ausstellungsplakate und Arbeitsmaterialien gingen teilweise verloren.

Die Werke waren noch da. Ein Teil ihrer Geschichte war es nicht mehr.

Beim Umzug der Kunst aus dem Wohn- und Atelierhaus nach Köln wurde der Bestand 2008 von einer Kunsthistorikerin begutachtet und in einer Liste erfasst. Heute ist diese frühe Inventarisierung ein wichtiges Referenzdokument. Sie bewahrt Informationen, die sich aus den Arbeiten allein nicht mehr gewinnen lassen. Aber auch sie kann nicht erklären, wie die einzelnen Werke zueinander stehen.

Der Nachlass umfasst mehrere Tausend Arbeiten. Sie lagerten in Mappen, Bilderschränken und großen Kartons. Gerahmte Bilder waren teilweise in Luftpolsterfolie verpackt. Vieles war nach Größe verstaut worden. Für Transporte ist das nachvollziehbar. Für das Verständnis eines Werkes hilft es nur begrenzt.

Anfangs hielt ich die Aufgabe vor allem für eine Frage der Erfassung. Ich begann zu fotografieren, Nummern zu vergeben und Kategorien zu bilden. Meine Inventarnummern sollten möglichst viele Informationen enthalten und wurden gerade deshalb immer komplizierter. Ich änderte das System, begann erneut und verlor wieder den Überblick. Welche Arbeiten hatte ich bereits fotografiert? Welche waren erfasst, aber noch nicht eindeutig zugeordnet? Was fehlte?

Ich bearbeite den Nachlass neben einer Vollzeitanstellung. Auf intensive Tage im Depot folgen mitunter wochenlange Unterbrechungen. Ein Ordnungssystem, das nur funktioniert, solange jeder Arbeitsschritt im Gedächtnis bleibt, ist dann kein Ordnungssystem.

Die entscheidende Veränderung begann nicht in einer Datenbank, sondern im Depot. Ich musste den Arbeiten zunächst physische Orte geben. Die frühen textilen Entwürfe kamen zusammen, ebenso die textilen Arbeiten, Monotypien, Papiercollagen und Mixed-Media-Arbeiten. Werkgruppen wurden in Untergruppen gegliedert und anschließend nach Format, Zeitraum und Lagerort geordnet. Regale, Planschränke, Schubladen und Archivkartons erhielten Nummern, die heute mit dem digitalen Archiv verknüpft werden.

Erst als Arbeiten derselben Werkgruppe tatsächlich beieinanderlagen, wurden Beziehungen deutlicher. Elemente der frühen textilen Gestaltung erschienen in späteren Arbeiten wieder. Bestimmte Materialien wanderten durch verschiedene Schaffensphasen. Aus einzelnen Objekten wurden Folgen, Varianten und Übergänge.

Die neue Ordnung schuf Übersicht. Sie stellte aber zugleich eine schwierigere Frage: Welche Verbindungen sind im Werk angelegt – und welche erzeuge ich, indem ich die Arbeiten auf eine bestimmte Weise sortiere?

Ich kannte das Atelier meiner Großmutter und interessierte mich schon als Kind für ihre Kunst. Ich bekam Gespräche in der Familie und mit befreundeten Künstlern mit und kann viele Werkgruppen aus persönlicher Anschauung zuordnen. Dennoch muss ich heute unterscheiden: Was weiß ich aus eigener Erinnerung? Was ist durch ein Werk oder ein Dokument belegt? Und was erscheint mir plausibel, seit ich die Arbeiten nebeneinander sehen kann?

Diese Fragen lassen sich nicht mit einer präziseren Inventarnummer lösen.

Während ich noch versuche, die innere Ordnung des Werkes zu verstehen, gibt es bereits erste Ausstellungsanfragen. Von außen betrachtet scheint der Nachlass bereit, sichtbar zu werden. Im Depot zeigt sich, wie viel noch offen ist. Bevor aus ersten Beobachtungen eine öffentliche Geschichte wird, möchte ich deshalb ein oder zwei unabhängige kunsthistorische Einschätzungen einholen.

Auf der Vorderseite der Collage fügen sich die gerissenen Papiere zu einer Landschaft. Auf ihrer Rückseite bleiben die einzelnen Tapeten erkennbar. Seit ich den Nachlass bearbeite, begegnet mir diese Bewegung immer wieder: Ich stelle Beziehungen her – und entdecke dabei neue Einzelheiten, die sich der Ordnung entziehen.

Am Anfang fragte ich mich, wie ich mehrere Tausend Arbeiten erfassen sollte. Heute ist die Frage eine andere: Wie lässt sich kunsthistorisch einordnen, was ich vor mir habe – und wer kann mir dabei helfen?